Wie Corona das Leben von Künstler*innen und Kulturschaffenden verändert

Ein Essay von Luisa

Bereits zu Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 gaben bei einer Umfrage in der Berliner Kulturszene über 80 Prozent der Befragten an, unter Existenzängsten zu leiden und sich um bevorstehende Zahlungen von grundlegenden Lebenshaltungskosten zu sorgen. Durch die Coronakrise sind laut Statista über 256.600 Unternehmen betroffen, Selbstständige, Kleinunternehmen und Freiberufler*innen noch nicht mit eingerechnet.

Im Podcast „NEVER LUNCH ALONE“ der Kreativgesellschaft Hamburg sprechen unter anderem zwei Gäste aus der Literaturbranche über ihre derzeitige Situation. Corona bedeutet für Verleger*innen und Autor*innen nicht nur finanzielle Einbußen, sondern auch emotionale. Projekte, die teilweise monate- bis jahrelang geplant wurden, müssen aufgeschoben oder gar ganz gecancelt werden, sämtliche Lesereisen und Vorlesungen sind abgesagt worden, viele Neuerscheinungen fallen ins Nichts durch die ausbleibende Promotion. Um einen Teil des Ausfalls zu kompensieren, werden inzwischen viele Lesungen und andere damit verbundene Veranstaltungen online abgehalten. Dennoch sind fast 95 Prozent der Onlinelesungen kostenlos, worin die Schriftstellerin Carla Paul neben den anfallenden finanziellen Einbußen auch zunehmend eine mangelnde Wertschätzung des Kreativen sieht.

Der Einzelhandel hat sich ebenfalls im Internet positioniert, was laut Christina Hoffmann, die Besitzerin eines Buchhandels ist, von der Bevölkerung gut angenommen wurde. Während des Lockdowns finden Beratungsgespräche per WhatsApp, Zoom oder ganz klassisch übers Telefon statt. Daneben sind zahlreiche innovative Ideen entstanden und in die Realität umgesetzt worden, wie etwa der Verkauf von Survival-Kits und Überraschungstüten, um die Kund*innen bei Laune zu halten. Auch wenn die Bereitschaft zur Unterstützung durch die Bevölkerung (vor allem auch der Stadtteile) riesig sei, mangele es an Unterstützung vom Staat.

Ebenfalls zu Gast war ein Vertreter der Programmkinos (KultKino Abaton). Wie im Fall des Abatons, sind die meisten Kinos seit März 2020 geschlossen und versuchen durch Crowdfunding zu überleben, teilweise auch durch gemeinsame Kampagnen mit anderen Programmkinos (z.B. auf der Plattform startnext). Um nicht in Vergessenheit zu geraten, werden die Social-Media-Kanäle intensiv genutzt, und Projekte wie Kurzfilmreihen umgesetzt, oder der Vertrieb von Filmen über kino-on-demand.com. Problematisch für die Kinos ist die gewaltige Konkurrenz im Internet durch Streaming-Riesen wie Netflix, Amazon Prime und Co. Der Gutscheinverkauf, der insbesondere kurz nach Ausbruch der Pandemie viel besprochen wurde, laufe zwar gut, stelle aber im Vergleich zum Ausfall nur einen Tropfen auf dem heißen Stein dar und sei wie der Popcorn-Verkauf im Sommer auf der Straße vor dem Kino wohl mehr eine emotionale Stütze als eine finanzielle.

Dass während der Krise aber auch erfolgreiche zukunftsfähige Projekte erschaffen werden können, beweist das Gespräch mit den Gründer*innen von SAVE THE ART, die Ticketbesitzer*innen mit Hilfe von Liveübertragungen einen Theaterbesuch ins Wohnzimmer bringen. Besonders an diesem Konzept ist die Erfahrung eines „quasi richtigen“ Theaterbesuchs, mit Abendbegleitung, Pause etc. Das Projekt bietet unterschiedlichsten Künstler*innen eine Plattform, von Poetry Slam über Musik bis hin zur Comedy. Die Veranstaltung wird in einem Theatersaal aufgezeichnet, der normalerweise eine Kapazität für maximal 30 Zuschauer*innen hat. Je nachdem wie viele Besucher*innen jetzt ein Ticket kaufen, kommt es aber dank der Onlineübertragung derzeit zu einer Auslegung von bis zu 80 Teilnehmer*innen pro Show. Die Gründer*innen sehen darin ein tragfähiges Modell für die Zukunft.

Auch in den LOCKDOWN DIARIES von „Hamburg mit Vergnügen“ dreht sich alles um die Frage, wie unterschiedliche Menschen der Kulturszene die Zeit der Corona-Pandemie erleben. Dabei fallen unterschiedliche Stimmungsbilder auf.

AUTOR*INNEN

Die Branche rund um Autor*innen ist hart durch die Krise getroffen worden. In den LOCKDOWN DIARIES berichtet zum Beispiel der Autor und Moderator Johannes Floer (tritt unter anderem bei Lesungen und Poetry Slams auf; hat eine eigene Show: „Ich bin genau mein Humor“), dass sich seine anfängliche Euphorie über die neugewonnene freie Zeit mittlerweile in die Erkenntnis einer harten neuen Realität verwandelt hat. Genau wie viele andere Künstler*innen kann auch er nicht einfach ins Homeoffice gehen und Kurzarbeit anmelden, sondern muss auf Rücklagen zurückgreifen, um sich über Wasser zu halten. Via Online-Streams versucht Floer weiterhin vor Zuschauer*innen aufzutreten, allerdings sieht er in den Internetauftritten nicht nur Vorteile. Zum einen mangele es bei den Streams an Atmosphäre; oftmals bleibe bei den Auftritten die Stimmung durchgehend so kühl wie bei einem Liveauftritt normalerweise die ersten paar Minuten, wenn sich Künstler*in und Publikum noch aneinander gewöhnen müssen. Zum anderen würde das mittlerweile herrschende Überangebot an verfügbaren – zum großen Teil kostenlosen – Livestreams im Netz den Eindruck vermitteln, es würde der Branche gutgehen und die Künstler*innen würden ihre Auftritte nur aus reinem Idealismus und aus Liebe zu ihrem Job veröffentlichen, während sie in Wahrheit um ihr Überleben kämpfen. Floer findet deutliche Worte für seine derzeitige Situation und die seiner Kolleg*innen:

„Für viele heißt Kultur vermutlich bloß, zweimal im Jahr zu einem Konzert zu gehen oder ab und zu mal zu einer Lesung. Das ist falsch, Kultur ist überall, in jeder Ecke unseres Alltags begegnet uns Kunst. Hinter allem, was uns Freude bereitet, steckte zunächst ein kreativer Gedanke. Kultur ist kein Luxus. Aber viele, die sie herstellen, haben gerade exakt 0 Euro monatliche Einnahmen, und zwar auch die, die gut mit Geld umgehen und planen können. Die gesamte Branche ist gefährdet und daran gibt es nichts, wirklich nichts Positives.“ 

Auch Jonathan Löffelbein, der als freischaffender Künstler unter normalen Umständen bei Lesungen und Slam Poetry-Gigs auftritt, beschreibt seine Situation als schwierig. Er lebt von Rücklagen und ist gleichzeitig auf Jobsuche. Er sagt:

Die Zeit steht still und ist ein Sumpf geworden. Die Tage verschwimmen. Ich kann nicht sagen, was in den letzten vier Wochen passiert ist. Alles fühlt sich wie ein großes Gestern an. Und: Die Krise trifft diejenigen am heftigsten, die die wenigsten Ressourcen haben und anstatt wirklich was an der Struktur der Gesellschaft zu verändern hat man ein paar Tage am Balkon geklatscht […].“

Beispielhaft für die vielen Schriftsteller*innen berichtet Jasmin Schreiber von ihrer neuen Realität mit Corona. Die Autorin hätte eigentlich 2020 mit ihrem Debütroman auf große Lesereise gehen sollen. Doch der Ausbruch der Pandemie hat ihren Plänen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nicht nur die Tour ist abgesagt worden, auch die Stichtage für die Auszahlung von Honorarraten haben sich verschoben. Geld steht nun nicht zur Verfügung, das bereits fest für Ausgaben wie die Miete eingeplant war. Per Twitch hält sie gegen Spenden Online-Lesungen ab und nutzt die frei gewordene Zeit ansonsten, um weiter an neuen Projekten zu schreiben. Was ihr aber in diesen Zeiten am allermeisten fehle (und da schließt sie sich ihren beiden Kollegen an), sei das Gefühl auf der Bühne vor Publikum zu stehen und mit diesem in Kontakt zu sein. Sie beschreibt eine große Unterstützung aus ihrem Umfeld, die sie allerdings (genau wie die beiden anderen) von Seiten der Politik schmerzlich vermisse.

BOOKER, DJs; CLUBS

In der Szene der Clubs, Booker und DJs sieht die Stimmungslage dagegen schon weniger düster aus. Viele Musiker*innen und DJs haben auch während des Lockdowns und trotz geschlossener Clubs weiterhin ein Einkommen, zum Beispiel durch Streaming, Plattenverkäufe, GEMA etc. Das DJ-Duo Andhim berichtet, dass man innerhalb der Szene angesichts der Umstände enger zusammengerückt sei. Beispielsweise ist eine solidarische Streaming-Plattform aller Clubs der Hansestadt entstanden (unitedwestream Hamburg) und es sind Crowdfunding-Kampagnen gestartet worden. Mit Hilfe verstärkter Online-Präsenz versuchen die Künstler*innen weiterhin im Gespräch zu bleiben. Zwar hatte die Corona- Krise zu Beginn auch beim DJ- Duo für eine Achterbahn der Gefühle gesorgt, doch mittlerweile sind die anfängliche Wut und Verzweiflung, die Existenzangst und das Unverständnis in den Hintergrund gerückt und haben Platz gemacht für Kreativität, die ungeachtet von Deadlines und ohne Druck ausgelebt werden kann.

Zwei Booker (von Uebel&Gefaehrlich und vom Molotow Club in Hamburg), die sich normalerweise um die Organisation von Konzerten und der Clubnächte kümmern, berichten ebenfalls, dass sich ihre Arbeit stark auf die Onlineplattformen verlagert hat. Auch wenn die Angebote vom Publikum größtenteils gut angenommen werden und die Szene diesbezüglich eine positive Resonanz erfahren habe, sei es doch schwer, die eigentliche Essenz des Jobs, den persönliche Austausch und die Euphorie in Streams und Videochats zu verpacken. Zudem bedeute die Aufgabe, auf Online-Plattformen nicht ins Abseits zu geraten, insgesamt mehr Arbeit als vorher – aber dafür weniger Geld. Dennoch sehen auch sie etwas Inspirierendes in der Situation. Zitat von Malte, dem Booker von Uebel&Gefährlich:

„Clubs und Musiker*innen stehen vor einem riesigen Scherbenhaufen ihrer Existenzen, sind aber kreativer denn je.“

Ein weiterer DJ, der nebenher auch eigentlich als Beleuchter beim Film arbeitet, macht aber deutlich, dass er es mittlerweile nicht mehr schaffe, sich durch Rücklagen oder Geld durch seine Musik zu finanzieren, sondern staatliche Hilfe in Anspruch genommen hat. Zwar versucht auch er die Krise positiv zu nutzen und neue Musik zu produzieren. Dennoch schreibt er mittlerweile auch Bewerbungen, um in einem andere Berufszweig Fuß zu fassen, der mehr Sicherheit bietet.

KULTURSCHAFFENDE AM THEATER

Zwei Schauspielerinnen berichten, dass sie keine existenziellen Nöte haben, was sich aber vermutlich in diesem Fall zum Teil darauf zurückführen lässt, dass beide an großen Theaterhäusern Festangestellte sind. Sylvana Seddig, die als Ensemble-Mitglied an der Volksbühne Berlin und auch gelegentlich am Thalia Theater Hamburg auftritt, meint, dass Schauspieler*innen durch recht viel Erfahrung mit wenig Geld, vielen Absagen, Ablehnung sowie teilweise Ungewissheit und Unplanbarkeit möglicherweise von Natur aus eine höhere Depressions- und Angstresistenz haben und deshalb eher in der Lage sind die Krise positiv zu sehen und sie kreativ zu nutzen. Trotzdem betont sie auch, dass ohne die zwischenmenschliche und körperliche Nähe das Theater im traditionellen Sinne aktuell nicht mehr existiert. Das können auch Onlineauftritte nicht hergeben. 

QUELLEN

  • Statista (https://de.statista.com/themen/6218/auswirkungen-des-coronavirus-auf-die-kultur-und-kreativwirtschaft/
  • Never Lunch Alone (Podcast: https://kreativgesellschaft.org/wissen/neverlunchalone/) 
  • Clubs, Booker (DJs: https://mitvergnuegen.com/2020/lockdown-diaries-clubs-djs-booker/)
  • Autor*innen (https://mitvergnuegen.com/2020/lockdown-diaries-autorinnen/)
  • Kulturschaffende am Theater (https://mitvergnuegen.com/2020/lockdown-diaries-kulturschaffende-theater-corona-krise/)

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