Tandem – gar nicht so einfach

Zwischenbericht von Anna

Nach dem ich einen Tandempartner zugeteilt bekommen habe, hatte ich ein sehr gutes erst Gespräch mit einer jungen Frau und ihrem Mann. Da sie leider noch gar kein Deutsch sprach, musste er übersetzen. Er ist sehr freundlich und beide haben eine unglaublich freundliche Art. Er erzählte mir, dass sie die Wohnung nicht verlässt, wenn er nicht da ist, weil sie Angst hat sich nicht zurechtfinden.

Wie beklemmend, denke ich, doch was weiß ich schon, wie es ist völlig ohne eigene Hilfsmittel in einem Land zu wohnen, welches solch andersartige Strukturen aufwirft. Ich erinnere mich an meine Reise nach Japan, wo kaum jemensch Englisch sprach und die Leute mir versuchten wild gestikulierend den Weg zu erklären. Ich war völlig abgehängt von dieser Gesellschaft und es war unglaublich schwer einen Anschluss zu finden.  

Nachdem ihr Mann mir sehr deutlich gesagt hatte, dass sie ein Kopftuch tragen muss, wenn wir uns mit anderen Personen treffen oder die Wohnung verlassen würden, habe ich mich selbst sehr schnell bei einem unglaublich schlimmen Vorurteil erwischt, er würde sie unterdrücken. Ich konnte nicht nachfragen, ob das ihr Wille oder seiner war und ich fände diese Frage auch äußerst unverschämt. Das hat mich sehr schockiert und geärgert. Ich, die ja angeblich so offen, so links, so informiert und so unvoreingenommen ist, muss sich jetzt mit den allgegenwärtigen Vorurteilen, die ich ja angeblich abgelegt habe, auseinandersetzen.

Das hat mich unglaublich geärgert und mir sehr zu denken gegeben. Direkt habe ich die Angst verspürt, mit ihm aneinanderzugeraten. Mir ist das selbstbestimmte Leben von Frauen unglaublich wichtig, ich werde wütend, wenn sich eine Freundin von irgendeinem Mann etwas vorschreiben lässt. Erschreckend, wie weit eine Aussage meine Gedanken treibt, wie einfach meine Denkmuster mich austricksen können.

Man muss stets wachsam bleiben, um seinen Gedanken auf die Schliche zu kommen und sie bearbeiten. Diese Arbeit muss kontinuierlich auf die eigenen Verhaltensmuster angewandt werden, um nicht voreingenommen zu interagieren. Ich fühle mich schuldig, wie dreist ist es denn nach einem Gespräch über solche Dinge urteilen zu wollen. Ich habe mich da gar nicht einzumischen! Dafür bin ich nicht da, dafür ist die Bindung nicht da und es ist nicht mein Recht. Das ist Diskriminierung!

Daraufhin habe ich mich an Freunde gewandt, die selbst Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht haben. Mein Ärger ist schnell vergangen. Denn schon dass ich mich dieser Gedanken schäme, sagten sie, sei gut, wichtig und helfe mir mich mit meinen eignen Vorurteilen und meinem eigenen Rassismus zu beschäftigen. Wir weißen Menschen sind ja meist angeblich nicht rassistisch und haben natürlich auch keine Vorurteile. Damit konfrontiert zu werden und sich der eigenen Denk- und Bewertungsmuster bewusst zu werden gibt mir die wertvolle Möglichkeit mich mit meiner (weißen) Arroganz und meinem Selbstbild auseinanderzusetzen, mir dieser besser bewusst zu werden und daran zu arbeiten.

Nach dem Gespräch haben wir angefangen ein wenig über WhatsApp zu schreiben. Sie startete mit Fragen über meine Familie und ich frage mich, was das wohl in ihr auslöst über ihre zusprechen. Macht sie sich Sorgen? Wie ist das wohl so weit von den Liebsten weg zu sein? Wie weit kann ich mit meinen Fragen gehen? Ich weiß ja gar nicht, was sie erlebt hat. Geschweige denn, was das in ihr hervorruft.

Leider war ihr das Ganze etwas zu viel, da sie zur Zeit auch noch keinen Deutschkurs belegen kann und dann hat sie sich nicht mehr gemeldet. Frustrierend, aber verständlich. So gerne hätte ich sie unterstützt, auch wenn es schwer geworden wäre, aber ich kann niemandem helfen, der meine Hilfe nicht annehmen kann oder will. Nun warte ich darauf, dass ich einen neuen Termin für ein Gespräch mit einer anderen Person bekomme. Ich werde weiterhin an den Sprachcafés teilnehmen, die das Tandemprojekt zusätzlich anbietet.

Es tut sich während der Pandemie überall recht wenig, so fühlt es sich zumindest an. Es ist schwer zu helfen, und das Paradoxe ist, es ist nicht so, dass die Hilfe nicht angeboten würde, sie wird gehindert. Teils aus verständlichen und teils aus unverständlichen Gründen. Es umhüllt mich das Gefühl, dass der Staat nicht mehr für die Grundsicherung der Bevölkerung da ist, sondern für die Grundsicherheit der Privilegierten und der großen Firmen d.h. der Wirtschaft. Also muss sich die Bevölkerung wieder neue Wege ausdenken, um nicht vom Schiff zu fallen und am besten noch andere mit hochzuziehen.

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